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Thema: Nymph()maniac

  1. #1
    Bob
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    Nymph()maniac



    Dear everyone, don't think it's been easy, but I understand now that we're not and never will be alike. I'm not like you, who fucks to be validated and might just as well give up putting cocks inside of you. And I'm not like you. All you want is to be filled up and whether it's by a man or by tons of disgusting slop makes no difference. And I'm definitely not like you. That empathy you claim is a lie because all you are is society's morality police whose duty is to erase my obscenity from the surface of the earth so that the Bourgeoisie won't feel sick. I'm not like you. I am a nymphomaniac and I love myself for being one, but above all, I love my cunt and my filthy, dirty lust.

    Nach über 5 Stunden Film bin ich nun zu platt und auch viel zu überwältigt um einen Kommentar hierzu zu tippen, muss aber trotzdem schon mal meiner Begeisterung ein kleines Ventil in Form dieser Topic-Erstellung bieten. Also für mich ist ja ohnehin schon fast jeder Lars Von Trier Film ein Meisterwerk, aber wenn das nicht sein verdammt absolutes Meisterwerk darstellt, dann weiß ich auch nicht. Ich hätte auch nicht gedacht, dass der Regisseur nochmals mehr reifen kann, aber hier hat er tatsächlich seine Angriffslust gezügelt, allerdings ohne diese zu verlieren, sondern sorgsam in eine ausführliche Diskussion verpackt, deren Bebilderung nicht nur seine eigene Filmographie, sondern gleich das ganze Kino abdeckt. Epischer Größenwahnsinn!

    But from that moment on, Hermione Granger became their friend.

  2. #2
    Bob
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    AW: Nymph()maniac

    Chaos is order yet undeciphered. (Enemy)...

    ...trifft auch auf Nymphomaniac zu, allerdings nicht in dem Sinn, dass der Film besonders chaotisch angeordnet wäre, sondern so viele Lesarten bietet, deren Knotenpunkte beim ersten Anschauen - ich behaupte das einfach mal - unmöglich zu einem großen Ganzen gefügt werden können. Als vorläufige Hilfe bis zu weiteren Sichtungen, versuche ich mal meine verschiedenen Ansätze aufzulisten:

    Nymphomaniac ist...

    a) ...ein fictional-bio-pic. Wir folgen Joe beginnend als junges Mädchen bis ins spätere Erwachsenen-Alter. Dabei konzentriert sich die Erzählung auf exemplarische Schlüssel-Momente, was für mich alle Kennzeichen eines biografischen Films trägt.

    b) ...eine Diskussion unter Intellektuellen, was mich in gewissen Zügen an Tarkowski erinnert hat. Auch wenn das Gespräch zwischen Joe und Seligman durch die titelgebende Manie ausgelöst und fortgeführt wird, wird hier doch zusätzlich eine enorme Bandbreite an existentiellen und moralischen Themen abgedeckt. Das hat mich vor allem sehr positiv überrascht, da ich mir anhand der Vermarktung des Films doch eher einen engeren Fokus auf Sex-Manie mit shock value ausgerechnet hatte.

    c) ...ein Film über Filme und das Filme-Anschauen. Seligman übernimmt dabei die Rolle des Zuschauers und Joe die des Autoren. Diese Rollenverteilung wird in Szenen deutlich, in denen zB Seligman auf einen abrupten Schnitt in der Erzählung von Joe eingeht. Das Kamera-Team entdecken wir hinter einem Spiegel, zusätzlich sind die verschiedenen Lebensabschnitte jeweils in anderen Bildformaten, Farben und Beleuchtung gehalten. Dabei konnte ich beim ersten Mal Anschauen auch zwei Selbstreferenzen seitens Von Trier entdecken: Einmal Bild-Material aus Riget (die Blätter, die in den Eingang des Krankenhaus wehen) und die Balkon-Szene mit dem Sohn generiert ihre Spannung aus dem Opening von Antichrist (ich meine dazu spielt sogar die gleiche Musik?). Ich bin mir sicher, dass da weitere Sichtungen noch mehr zu Tage fördern wird. Letztendlich finden dann noch Genre-Wechsel im Film des Films statt, Stichwort 007 (welcher auch wunderbar zum nächsten Gesichtspunkt passt, schließlich ist die Figur ein fiktiver Über-Macho).

    d) ...eine satirische bis schmerzende Abrechnung mit männlichen Bewusstsein. Hier fand ich besonders witzig, wie Von Trier mehrfach den männlichen Stolz auf Automobil-Autorität torpediert (Frauen können nicht einparken und Männer können alles reparieren). Besonders schmerzhaft wie das Thema Abtreibung visualisiert (konnte zum Teil nicht mehr hingucken) und diskutiert wird.

    e) ...nicht ganz vertrauenswürdig erzählt. Joe schien mir hier doch sehr zu taktieren, um Seligman zu erreichen. Teilweise kam sie mir gar wie ein Keyser Söze vor, da sie Gegenstände aus ihrer unmittelbaren Umgebung benutzt, um ihre Story zu erzählen (zu erfinden? Oder nur auszuschmücken?). Das wird auch ganz besonders deutlich, nachdem sie Seligman nicht mit ihren sexuellen Eskapaden zu erreichen scheint und nach einer Rückfrage, die ihr dann mehr über Seligman verraten, plötzlich ihre Geschichte mehr ins Belesene verlagert (die zwei Kirchen). So schien sie mir von Kapitel zu Kapitel die Story mehr auf Seligman's Empathie (oder besser gesagt dessen Grenze) zurecht zu schneiden.

    Was ich bei diesen ganze Ansätzen so ausgezeichnet fand, wie Von Trier dies alles zu einem flüssigen Gesamten verbindet. Ich empfand die Stilwechsel nicht als aufdringlich, so wie viele Filme des Regisseurs in ihrer Machart individuell wirken. Man merkt, wie Von Trier hier unbegrenzt Zeit eingeräumt wurde und wie ungehetzt diese umgesetzt wurde. Effekte und Schockierendes wirken dabei nicht als zeitlich eingesetzte Wachmacher, sondern ergeben sich scheinbar aus einer totalen Freiheit des filmischen Erzählens. Unter diesem Aspekt ist Nymphomaniac für mich Von Trier's ausgereiftester Film, auch wenn das irgendwo paradox ist, da ich einige seiner vergangenen Filme als bereits perfekt empfinde.

    Einziger Wermutstropfen ist dabei der Gedanke, dass Von Trier mit Nymphomaniac sein größtes Werk abgeliefert hat. Ich kann mir nicht vorstellen, wie danach noch etwas 'mehr' kommen kann.
    But from that moment on, Hermione Granger became their friend.

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