A Shock to the System knüpft mehr oder weniger dort an, wo Woody Allens Crimes and Misdemeanors aufhört: Ein bis dato braver und unbescholtener Bürger (Michael Caine als Geschäftsmann Graham Marshall) begeht einen Mord (eigentlich Totschlag, aber egal) und kommt damit seelisch überraschend gut klar. Mehr noch – das Gefühl, einen Menschen ohne Konsequenzen aus dieser Welt befördert zu haben, löst bei ihm einen Machtrausch aus und bringt seine verschüttet geglaubte Virilität zurück. Der graue Duckmäuser mutiert zur tödlichen Ich-AG und will wieder Pussy.

Der Adrenalin-Kick und der Potenzgewinn durch das Zufalls-Ereignis bringen Marshall auf die Idee, zuerst seine nervige Ehefrau und dann einen unliebsamen Kollegen aus dem Weg zu räumen, der ihm gerade eine bereits sicher geglaubte Führungsposition vor der Nase weggeschnappt hat. Leider vergisst Marshall sein Feuerzeug in einem unter falschem Namen gemieteten Wagen, so dass der Polizist Laker (Will Patton) ihm gefährlich nahe auf die Schliche kommt.

Eigentlich kann man nicht sagen, dass Jan Egleson sein Handwerk nicht versteht. Relativ zu Beginn des Films wird während eines Essens das Anzünden einer Zigarette so auffällig in Szene gesetzt, dass man etwas irritiert ist. Das Herausheben der Bewegung aus der Zeit wirkt fast wie in einem Film von Scorsese. Der Grund für das Exponieren dieses Moments offenbart sich erst wesentlich später innerhalb des Feuerzeug-Kontextes und auch sonst scheint Egleson mit Hilfe von Paul Goldsmith' Kamera relativ bewusst zu inszenieren. Allerdings wirkt das Ganze unterm Strich ein wenig textbook-mäßig, denn die zwölfte verkantete Kameraeinstellung, nachdem die Welt von Graham Marshall aus dem Gleichgewicht geraten ist, wird dann irgendwann doch aufdringlich. Als überflüssig empfand ich den psychologisierenden Off-Kommentar von Caine selbst, der von seiner Figur in der dritten Person erzählt und zahlreiche Magier-Analogien eröffnet. Man versteht die Handlung auch so, der Kommentar erweitert den Film kaum um eine sinnvolle Ebene.

Ich kenne das Buch von Simon Brett nicht, laut Amazon hat es 239 Seiten, dieser Film wirkt jedoch wie eine adaptierte 60-seitige Novelle. A Shock to the System bietet leider nur zwei wirklich interessante Momente: Der Anfang, wenn sich nach dem auslösenden Ereignis die dunkle, herrschsüchtige Persönlichkeit von Marshall Bahn bricht, und der Schluss, wenn er sich entscheiden muss, wie er sich zu einer Frau verhält, die seine Machenschaften ebenfalls durchschaut hat. Alles zwischen diesen rahmenden Momenten ist im Grunde bloße Steigerung und Wiederholung.

Man kann die Handlung von A Shock to the System als eine Art harmlosen Vorläufer von American Psycho auffassen. Simon Bretts Roman erschien 1984, die Verfilmung mit Michael Caine erfolgte 1990 und ein Jahr später kam schließlich Bret Easton Ellis' Roman auf den Markt. Dank der satirischen Überspitzung kann sich der Film ein paar Unglaubwürdigkeiten leisten, allerdings ist die Übertreibung etwas zu handzahm geraten. Eine Form der Gesellschaftskritik ist vorhanden, wenn immer mal wieder Obdachlose und der Lebensstil der Geschäftsmänner gegeneinander gesetzt werden. Im letzten Drittel brechen alle interessanten Bedeutungsebenen leider weitgehend in sich zusammen und die Handlung wird zur reinen Kriminalgeschichte. Das ist nicht tragisch, weil sie nicht unspannend erzählt ist, aber der Stoff hätte durchaus Potential für einen Film, der um einige Klassen besser sein könnte als Eglesons Umsetzung.