Ergebnis 1 bis 9 von 9

Thema: Import/Export

  1. #1
    laertes
    Gast

    Import/Export

    Aus meinem FTB:

    Import/Export
    (2007, Regie: Ulrich Seidl)



    Es geschieht nicht oft, dass mich ein Film so tief berührt wie dieser. Import/Export erzählt die Geschichte zweier Menschen – des Österreichers Paul und der Ukrainerin Olga –, die sich nach erfolglosen Versuchen, ein Leben aufzubauen oder zumindest etwas zu erhalten, was man als Leben bezeichnen darf, in das Land des jeweils anderen begeben, um ihre Körper und ihre Seele dort als billige Arbeitskraft, als Ware zu verkaufen. Während Paul, der in seiner Heimat außer Schulden und einer allumfassenden Perspektivlosigkeit nichts hat und der mit seinem Stiefvater als Automatenaufsteller unterwegs ist, immer tiefer in das finstere Herz des Ostens vordringt und mit den dort vorherrschenden unerträglichen Lebensumständen konfrontiert wird, arbeitet die Krankenschwester Olga, die ihren Sohn und ihre Mutter in der Ukraine zurückgelassen hat, zunächst als Putzfrau in verschiedenen Haushalten, bevor sie nach einigen zutiefst demütigenden Erlebnissen in der geriatrischen Station eines Krankenhauses zu putzen beginnt - und dort mit den herzzerreissenden Schicksalen der dahinsterbenden Alten zu tun bekommt.

    Wer allein diese kurze Zusammenfassung schon für harten Tobak hält, sollte sich zweimal überlegen, ob er sich Ulrich Seidls halbdokumentarischen Film ansehen will. Denn Seidl spart nichts aus, verschont den Zuschauer nicht. Nacktheit, Elend, Erniedrigung, Gewalt, Krankheit, Tod – all das zeigt Import/Export mit unbarmherzigem Blick. Da wird nichts geschönt, verstellt, verschwiegen. Die Abgründe unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung tun sich auf in einer Unerbittlichkeit, die ich nur als harten Realismus bezeichnen kann.

    Und dabei ist der Film nicht ohne Trost, nicht ohne Hoffnung. Denn die Protagonisten kämpfen um ihre Würde, ihre Menschlichkeit, schaffen sich – und sei es auch bloß vorübergehend, nur für einen kurzen Moment – trotz aller Widrigkeiten Räume, in denen sie einatmen können, winzige Inseln des Lichts in all der Trostlosigkeit und Bedrückung, die sie von allen Seiten bedrängt.

    Ehrlicher und authentischer kann man unserer Gesellschaft und unserer Politik, für deren Gier nach Konsum die Ausbeutung das Fundament ist, den Spiegel nicht vorhalten als es Seidl hier tut. Und damit meine ich nicht nur die Müllberge in der Ukraine oder die minderjährige Prostituierte, die von Pauls Stiefvater wie ein Hund bellend im Hotelzimmer herumgeführt wird. Damit meine ich auch den Blick in Olgas Augen, ihre Entschlossenheit, weiterzumachen. Dennoch.

    Und dieses Dennoch verhüllt ein Unendliches.

    9/10
    (Meisterwerk)


  2. #2
    Nebendarsteller
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    368

    AW: Import/Export

    Zitat Zitat von laertes Beitrag anzeigen
    Ehrlicher und authentischer kann man unserer Gesellschaft und unserer Politik, für deren Gier nach Konsum die Ausbeutung das Fundament ist, den Spiegel nicht vorhalten als es Seidl hier tut.
    Welche Gegenmaßnahmen bzw. welche Gegenbeispiele, wären denn dann sinnvoller, unzwar für alle? Dass die Gehälter in diesem Land um die Hälfte reduziert werden, beim gleichzeitig vermutlich erdweit-höchsten Steuersatz? Oder lieber, dass der eigene Konsum prinzipiell um die Hälfte gesenkt werden sollte? Doch was hätte das für eine Auswirkung? Noch mehr Armut für den gesamten Planeten. Was meinst Du dazu, warum Nationen in z.B. Asien oder egal wo, auf ein stabiles Europa und dessen stabile Kaufkraft, sehr besonnen und fördernd reagieren? Weil wegen gegenseitiger Abhängigkeit. Und das ist auch gut so. Es kann nichts schlimmeres als einen schwachen Konsum geben. Die Inferenz wäre dann nur noch Krieg bzw. ein militärischer Konflikt. Und das ist ja nochmal um ein vielfaches sinnloser. Wie denkst Du darüber?

  3. #3
    Admin Avatar von Matt
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    21.730

    AW: Import/Export

    Eine gelungene Besprechung zu einem wichtigen Film. Auf der diesjährigen Berlinale hatte ich mir wegen Import/Export die Diskussionsrunde Through the Lens Cleary mit Seidls DoP Edward Lachman angesehen, wobei es dort nur kurz um die Aufnahme der Eröffnungsszene ging und Lachman danach auf weitere Arbeiten für andere Regisseure eingegangen ist.

    Mich hat Import/Export damals auch umgehauen, soviel nüchterne Realität, soviel Traurigkeit sieht man selten in einer solch ungeschönten Form. Sein nächstes Projekt, ursprünglich als einteiliger Film geplant ist nun die sogenannte Paradies Trilogie. (Glaube, Liebe, Hoffnung), der erste Teil lief dieses Jahr in Cannes. Zur Geschichte:

    An den Stränden Kenias kennt man sie als Sugarmamas: Europäische Frauen,
    denen junge schwarze Beachboys Liebesdienste bieten, um so ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Teresa, 50-jährige Wienerin und Mutter einer pubertierenden Tochter, reist als Sextouristin in das Urlaubsparadies, um die Liebe zu finden. Sie wechselt von einem Beachboy zum nächsten, von einer Enttäuschung zur anderen. Die Liebe am Strand von Kenia ist ein Geschäft.

    „PARADIES: Liebe“ erzählt bildmächtig, bewegend und immer wieder komödiantisch von Sextourismus, von älteren Frauen und jungen Männern; vom Marktwert der Sexualität, von der Macht der Hautfarbe, von Europa und Afrika und von Ausgebeuteten, denen nichts übrig bleibt als andere Ausgebeutete auszubeuten.

    Ulrich Seidls Film ist Auftakt zu einer Trilogie, die von drei Frauen einer Familie erzählt, die jede für sich ihren Urlaub verbringt. Als Sextouristin, als missionierende Katholikin (PARADIES: Glaube) und als Teenager in einem Diätcamp (PARADIES: Hoffnung). Drei Filme, drei Frauen, drei Sehnsuchtsgeschichten.


    Bis es soweit ist empfehle ich seinen Film Hundstage.
    If it can be written, or thought, it can be filmed. (Stanley Kubrick)

  4. #4
    laertes
    Gast

    AW: Import/Export

    Zitat Zitat von Makis Beitrag anzeigen
    "[...]"
    ich mag makis. viel lieber als surimis und nigiris. aber nicht so gerne wie california rolls!

  5. #5
    Nebendarsteller
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    368

    AW: Import/Export

    Komme da mit meiner Partizipation nicht mit.

  6. #6
    laertes
    Gast

    AW: Import/Export

    mach dir nichts draus.

  7. #7
    Nebendarsteller
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    368

    AW: Import/Export

    Nicht aus etwas banalen, da hast Du recht.

  8. #8
    Regisseur Avatar von Kalervo
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    16.503

    AW: Import/Export

    FTB-Eintrag:

    Ein typischer Seidl möchte ich mal sagen, auch wenn es erst mein zweiter ist, aber der erste hat schon ausgereicht eine eigene neue Filmschublade zu eröffnen, in der sich dann aber auch Böse Zellen von Barbara Albert gut lagern lässt. Wenngleich mir die beiden vorher genannten Filme insgesamt doch etwas besser gefielen.

    Man merkt erneut deutlich, dass Seidl in seinem früheren Leben Dokumentarfilmer war, denn übermäßig groß sind die Unterschiede zwischen Doku und Spielfilm nicht mehr. Es werden erneut um einige Hauptfiguren herum Laiendarsteller, oder besser gesagt echte Menschen, gesetzt und man gewinnt den Eindruck, dass die Dialoge improvisiert wurden, und lediglich der grobe Verlauf der Szene jeweils vorgegeben war, oder im Falle vieler Einstellungen im Altenheim auch nur echtes „Leben“ abgefilmt wurde. Und das hat seinen ganz eigenen, besonderen Reiz. Vielleicht gar nicht unbedingt weil es so besonders ist, sondern mehr weil es nur so besonders wirkt, als Kontrast der sonst oft so künstlichen Filmwelt. Dabei will ich diese ja gar nicht kritisieren, ich bin einer der Ersten, die sich durch bunte Farben, laute Knalls und viel Action und Tamtam auf der Leinwand begeistern lässt, eben weil es nicht alltäglich oder real ist. Keine Bewegung ohne Gegenbewegung und beide Seiten haben ihre Berechtigung und schließen einander auch nicht aus.

    Aber man muss auch ein besonderes Faible für diese Wirklichkeit haben, die man da vor den Latz geknallt bekommt. Nicht unbedingt weil es so dermaßen unbequem ist, was es unzweifelhaft bei den hier angesprochenen Themenbereichen ist, sondern auch weil es oft so ereignislos scheint, so alltäglich. So normal, dass es manchmal nur schwer auszuhalten ist.

    Schwer zu konsumieren könnte man es auch nennen, und so sind Seidl und Haneke sicher Brüder im Geiste, auch wenn bei Seidl weniger offensichtliche Gewalt vorkommt. Ein Film der es einem nicht unbedingt superleicht macht ihn mit offenen Armen zu empfangen und mit einem zufriedenen Lächeln durchzuhalten, aber der zum Nachdenken anregt und seine gewissen Reize hat. Abgesehen davon ist mir ein Film mit Wiener Dialekt immer ein Pläsier; allerdings mit echtem, nicht diese Weichspülfassung wie in dem TV-Film dieser Tage.

    Mit einem mittelgroßen Highlight wartet übrigens Dirk Stermann auf. Und Paul Hofmann erinnert mich irgendwie sehr an Lukas Podolski. 6,5/10
    The bad news is, we did an X-ray, and your body is full of a spooky skeleton man.

    Last watched movies [letzte Änderung: 04. November 2017]

  9. #9
    laertes
    Gast

    AW: Import/Export

    treffende kritik, gerade auch was die unerträgliche ereignislosigkeit des alltäglichen betrifft. dass du haneke ins spiel bringst, ist meines erachtens ebenfalls stimmig. ich würde noch fassbender hinzufügen (allen voran warum läuft herr r. amok?) und die behauptung aufstellen: wer was mit haneke und fassbender anfangen kann, der sollte sich an seidl einmal versuchen.

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