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Thema: La tourneuse de pages (Das Mädchen, das die Seiten umblättert)

  1. #1
    laertes
    Gast

    La tourneuse de pages (Das Mädchen, das die Seiten umblättert)



    ein etwas sperriger titel, zugegeben. ich hätte ihn eher als 'die notenwenderin' übersetzt - was indes auch nur kürzer, aber nicht wirklich besser klänge. einerlei: der titel und das vielleicht etwas zu plakative ende sind aber die einzigen erheblichen kritikpunkte, die ich diesem französischen psychodrama anlasten möchte. im übrigen habe ich denis dercourts la tourneuse de pages sehr genossen.

    die prämisse des films ist genauso schnell erzählt wie vielversprechend: die zehnjährige, gleichermaßen begabte wie über-ehrgeizige mélanie strebt eine ausbildung als pianistin an. beim alles entscheidenen vorspiel im konservatorium, das sie zunächst zur begeisterung der jury meistert, wird sie jedoch durch das unachtsame verhalten der vorsitzenden, einer berühmten pianistin, mitten aus dem stück gerissen und so im wahrsten sinne des wortes aus dem takt gebracht, woraufhin ihr lebenstraum scheitert. zehn jahre später lässt sie sich als babysitterin des sohnes der nach einem autounfall seelisch angeschlagenen pianistin einstellen, macht sie nach und nach mehr von sich abhängig und realisiert subtil und langsam ihren plan, die karriere, die familie und das leben der pianistin zu zerstören.

    der film hat mich von anfang an in mehrerer hinsicht sehr angesprochen: als spannendes kammerspiel im stile claude chabrols, das mit schlichtesten filmischen mitteln eine hohe intensität erzeugt. als rachestory, die - anders als beispielsweise seine koreanischen pendants - fast völlig auf körperliche gewalt verzichtet, deren psychischer einschlag aber umso heftiger ist. und als musikfilm, in dem kammermusik aus allen epochen zum erklingen gebracht wird: von bach über chopin bis schostakowitsch. die darstellerleistungen sind - darf man das sagen? - typisch französisch, und auch das hat mir sehr zugesagt.

    selbstbeobachtend fand ich interessant - und vor allem deshalb würden mich eure meinungen sehr interessieren -, dass ich zu keinem zeitpunkt mit der 'rächerin' sympathisiert habe. ihre motive sind mir zwar verständlich, aber ihr ziel erschien mir völlig unangemessen, ganz abgesehen davon, dass die pianistin sich ihr gegenüber zu jedem zeitpunkt äußerst fair verhält. so habe ich - auch das ein gegensatz zu revenge-movies üblicher art - das racheobjekt als opfer empfunden und mit ihr mitgelitten und nicht der verwirklichung des racheplans entgegengefiebert.

    insgesamt ein sehens- und hörens(!)werter film.


  2. #2
    Regisseur Avatar von Pitt
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    AW: La tourneuse de pages (Das Mädchen, das die Seiten umblättert)

    Ja, tolle Film. Kann dir gar nicht mehr so genau sagen auf welche Seite ich stand, also ob auf Seiten der Rächerin oder des Racheobjekts. Hab da während des Schauens eine wohl eher neutrale Position eingenommen. So sympathisch war mir die Pianistin dann jedenfalls auch nicht, dass ich gross Mitleid für sie empfunden hätte.

    Übrigens zwei weitere erstklassige französische "Klavier-Thriller" sind De battre mon coeur s'est arrêté mit Romain Duris und Merci Pour Le Chocolat von dem von dir bereits erwähnten Claude Chabrol.

  3. #3
    laertes
    Gast

    AW: La tourneuse de pages (Das Mädchen, das die Seiten umblättert)

    danke für die hinweise!

  4. #4
    laertes
    Gast

    AW: La tourneuse de pages (Das Mädchen, das die Seiten umblättert)

    ein kritischer aspekt ist mir noch wichtig: wir lernen leider nie, weshalb die 'rächerin' so überambitioniert und krankhaft ehrgeizig ist. vor allem erfahren wir auch nicht, aus welchem grund sie von der aufnahme in diesem konservatorium - das nicht das einzige ist - alles andere, nicht nur ihr weiteres klavierspiel, sondern ihr ganzes leben abhängig macht. mélanies verhalten - ihre körpersprache, ihre absolutheit, nicht zuletzt ihr gefährlicher körperlicher angriff auf das andere klavierspielende mädchen - erscheint vom beginn des films an soziopathisch, fast autistisch. es steht aber in einem krassen widerspruch zum verhalten ihrer eltern, die zu keinem zeitpunkt den eindruck erwecken, von ihr mehr zu verlangen, als sie zu leisten imstande ist. stattdessen wirken die eltern sehr entspannt und angenehm, und sie bringen zum ausdruck, ihre tochter in jedem fall, also auch im fall des möglichen scheiterns, bedingungslos und liebevoll zu unterstützen.

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