Anmerkung: Bisher gibt es nur ein merkwürdiges Kombi-Topic gemeinsam mit I Am Sam - das finde ich nicht so glücklich. Daher nun ein separates Topic.



Mit dem titelgebenden "Bedroom" ist nicht nur ein Schlafzimmer gemeint, sondern auch die innere Sektion einer Hummerfalle, die im Fachjargon so genannt wird. Wenn dort zwei männliche und ein weiblicher Hummer hineingeraten, gibt es Probleme. Denn wenn es um Paarungsverhalten geht, gilt bei Tier und Mensch in der Regel gleichermaßen: Drei sind einer zu viel.

Der Film beginnt ruhig. Im Zentrum steht die gutsituierte Familie Fowler, das einzige Kind Frank führt eine Beziehung mit der einige Jahre älteren Natalie. Zwei Söhne hat sie aus ihrer früheren Beziehung mit dem aufbrausenden Richard. Das setzt Frank unter Druck, denn er steht vor der Wahl, sich entweder auf Studium und Karriere zu konzentrieren oder schnellstmöglich ein Ernährer für seine Familie sein zu können. Franks Eltern sind besorgt, dass ihr Sohn seine Karriere leichtfertig für diese Frau hinwerfen könnte, die, obwohl sie nett ist, doch nicht ganz den Vorstellungen von einer idealen Schwiegertochter zu entsprechen scheint. Immerhin ist Matt Fowler Arzt, Frank hat auch Aussichten auf eine glänzende akademische Karriere, da darf die Freundin auch gerne aus besseren Verhältnissen kommen. Und da ist auch noch Richard, der Natalie zurückerobern möchte und gegenüber Frank auch mal handgreiflich wird. Geredet wird da immer nur das Nötigste. Die Eltern deuten ihre Wünsche an und Frank erzählt ihnen das, was sie hören wollen. Der Film ist charakterzentriert und Todd Field erzählt seine Geschichte unaufdringlich, aber deutlich, Konflikte werden angerissen, ohne dass sie explizit gemacht werden. Etwa die Tatsache, dass Natalies Schönheit auch auf ältere Männer anziehend wirkt. Zumindest auf einen Freund der Familie. Vielleicht auch auf Matt? Auch wenn er Natalie keine Avancen macht, vielleicht ist der Grund dafür, warum er seinen Sohn nicht zu einer akademischen Karriere drängt, dass er in der Beziehung seines Sohnes mit einer attraktiven Frau nochmal die eigene Sexualität und männliche Potenz projizieren kann? Der Sohn als Statthalter des zweiten Frühlings? Das alles ist fantastisch gespielt. Allen voran Tom Wilkinson, Sissy Spacek und Marisa Tomei. Aber auch Nick Stahl und William Mapother sind gut besetzt. Stahl bringt eine jungenhafte Ausstrahlung und feminine Schönheit in den Film, Mapother eine primitive, ungehobelte Männlichkeit.

So weit In the Bedroom(1). Etwa in der Hälfte des Films geschieht etwas, das man in dieser Konsequenz nicht vorhersehen kann, und dann beginnt In the Bedroom(2). Das unerhörte Ereignis ist das Herzstück des Films, es ist die blitzartige Eskalation eines Konfliktes, der zwar die ganze Zeit über angelegt ist, dessen gewaltsamer Ausbruch bis zu diesem Zeitpunkt aber von der intensiven Charakterisierung maskiert wird. Erzählerisch ist das außerordentlich intelligent gelöst. Man wird mit einer Reihe von Standardkonflikten konfrontiert, die zwar nicht uninteressant sind, aber immherin gut vertraut. Man bildet die üblichen Hypothesen darüber, wie sich die Handlung wohl entwickeln wird und wie sich die Charaktere verhalten werden und dann kloppt einem der Film seine Erzählfaust mitten in die Fresse. In the Bedroom(2) ist das Portrait einer traumatisierten Familie, besteht zum Teil nur aus kurzen Vignetten, die mit Schwarzblenden enden und vor allem das Vergehen von Zeit spürbar machen. Die Familie zerfleischt sich, das Trauma wird zur Zerreißprobe. Kommunikation findet nicht mehr statt. Mit der neuen Situation kann man nicht umgehen, man will Gerechtigkeit. Die scheint nicht im Bereich des Möglichen zu liegen.

Doch halt, ein schwacher Schimmer am dunklen Horizont: Die traumatisierten Opfer könnten sich selbst zu Tätern machen, die Maske der Kultiviertheit abstreifen, die Initiative ergreifen und den Verursacher des Traumas beseitigen. Von der Justiz ist eine gerechte Strafe nicht zu erwarten und daher nimmt man die Angelegenheit selbstjustiziell in die Hand. Das ist In the Bedroom(3). In the Bedroom(3) funktioniert kurzfristig als Thriller und schlägt damit wiederum eine völlig andere Richtung ein als die beiden vorherigen Segmente des Films. Am Ende streift sich Matt Fowler ein Pflaster ab und seine Frau Ruth scheint wieder fähig zur Kommunikation. Das ist nur scheinbar ein Happy End. Denn die Metapher des abgestreiften Pflasters ist schief. Die Wunde, die es bedeckte, ist nur ein Kratzer am Finger. Die eigentliche Wunde liegt tiefer. Man kann es auch so sehen: Matt streift das Pflaster ab, weil es keinen Sinn macht, einer so kleinen Wunde beim Heilen zu helfen, wenn die wirklich schmerzende Verletzung unheilbar ist. Und die letzten Sätze von Ruth sind Kommunikation der banalsten Sorte. Die Banalität ist fast schon erschreckend angesichts der Ereignisse, die stattgefunden haben – Feuer mit Feuer bekämpfen, einfach übergehen zur Alltagsnormalität? Man hat seine Zweifel, ob das den Fowlers gelingen wird.

Was hier stattgefunden hat, ist kein Heilungsprozess. Es ist das zweite Trauma im ersten. Die Situation, die zur Eskalation führt, wiederholt sich am Ende: Zwei Männer üben Einfluss aus auf das Herz einer Frau: Der, der ihr Herz zerstört hat und der, der ihrem Herz vielleicht Genugtuung verschaffen kann. Drei sind auch dann noch einer zu viel. Das trifft auf den Film nicht zu. In the Bedroom(1), (2) und (3) gehören eindeutig zusammen und sind in der Kombination ganz wunderbar.

8/10