Ich musste diesen Film ein zweites Mal sichten, da ich nicht den Eindruck hatte, dass ich ihm nach der Erstsichtung hätte gerecht werden können. Tatsächlich hat nun so etwas wie ein Zugang zu diesem Godard-Werk stattgefunden – er bleibt aber schwierig. Diverse Lesarten bieten sich zu diesem Film an. Man kann (psychologisch) das Geschlechterverhältnis ins Auge fassen, man kann (dekonstruktivistisch) analysieren, wie Godard das Medium Film selbst thematisiert und immer wieder darauf hinweist, wie Film durch seine ihm eigene Sprache eine Realität vorspiegelt, man kann (filmgeschichtlich) herausfinden, welche Verweise auf andere Filme, Regiseure und Genres hier verarbeitet werden, man kann (biografisch) unterstellen, dass Godard mit diesem Film sein eigenes Verhältnis zu Anna Karina aufarbeitet, man kann (erzähltheoretisch) unter die Lupe nehmen, wie einen der Film immer wieder in die Erzählung hineinzieht, nur um den Zuschauer gleich darauf wieder zu entfremden, oder (philosophische) Gedanken zur Beschaffenheit der Welt, der Gesellschaft und dem Verhältnis von Fiktion und Realität entlang einzelner Szenen entwerfen.

Vermutlich hat Le mépris zwei Kerne. Der eine ist die Beziehung zwischen Paul (Michel Piccoli) und Camille (Brigitte Bardot), der andere das (Film-)Geschichtenerzählen selbst. Neben einer Art Haupthandlung (die den Namen eigentlich nicht verdient, auch die ist randständig: Paul wird vom Produzenten Jerry Prokosch beauftragt, das Drehbuch von Fritz Langs Odyssee-Verfilmung umzuschreiben - Fritz Lang spielt sich übrigens selbst.) gibt es immer wieder Mini-Erzählungen, Abschweifungen: Charaktere erzählen narrative Miniaturen, sehen sich Bilder an, die Geschichten erzählen, oder reflektieren über die Motivationen fiktionaler Charaktere (um vielleicht etwas über sich selbst zu lernen). Auch Paul und Camille sind für einander mehr wie die Protagonisten einer dramatischen Liebesgeschichte: Jeder versucht den anderen zu analysieren, seine Motive zu verstehen, ihn in eine erzählbare Identität einzupassen, die dann bewertbar ist. Das gelingt nur unzureichend. Aber die Realität der Beziehung enthüllt sich dann doch – einfach über das, was Godard zeigt. Camille ist eine schöne Frau, ordnet sich Paul zunächst etwas zu bereitwillig unter, genießt das Begehren ihres Körpers, bis sie keine Lust mehr auf dieses Spiel hat. Bezeichnend die Szene zu Beginn, wenn Camille diverse Körperteile aufzählt und Paul immer wieder fragt, ob er all das an ihr liebe. Paul bejaht jede Frage, und Camille schlussfolgert: Dann liebst du mich vollständig.

Das geht so nicht, denn das Ganze ist im Fall eines Menschen (und außerdem auch eines Films) mehr als die Summe seiner Teile. Es kommt auf das Zusammenspiel an, auch auf den Kontext. Es gibt so viel zu berücksichtigen. Paul tritt die Entscheidung, den Scriptdoctor-Job anzunehmen, immer wieder indirekt an Camille ab, er ist wie ein Fähnchen im Wind, hat Angst davor, einen Schicksalsknoten zu knüpfen. Fast möchte man meinen, er will die Entscheidung über sein Schicksal an die Götter abtreten – die, wie wir lernen, auch nur noch in Erzählungen existieren. Camille hält ihn im Gegenzug nicht für einen richtigen Mann. Jerry Prokosch ist dafür einer, und zwar ein richtig aufbrausender Kerl, fast wieder zu klischeehaft. Es sind alles Typen-Figuren. Der zaudernde Künstler, der durchsetzungsfähige, cholerische Produzent, der alte, weise Regisseur, die hübsche, unbedarfte Sekretärin. Das kann man Godard nicht zum Vorwurf machen, denn das Typische (und auch das Untypische) ist Teil von Le mépris. Langs Odyssee-Verfilmung etwa scheint zu untypisch für eine finanziell rentable Marktauswertung zu sein. Zu verkopft, zu intellektuell. Eine Probevorführung zeigt die Protagonisten der Odyssee – es sind Statuen. Das Heldenhafte der antiken Epen ist nicht mehr in unsere fragmentierte Moderne zu retten, es gibt keine sagenhaften Heroen mehr, vielleicht auch keine neuen Geschichten. Einzig die Sirene in Form einer nackten Frau im Wasser bleibt menschlich-aktuell – und wird es immer sein, weil nackte, schöne Frauen immer etwas verführerisches haben. Godard spielt damit, wenn er Brigitte Bardot mehrmals aus dem Bild spazieren lässt, und sie ihre Kleidung zurück ins Blickfeld des Zuschauers wirft: Jetzt ist sie völlig nackt – und man sieht sie nicht. Nur ab und an von hinten.

Ich kann mich dem zwar nicht anschließen, aber Godard scheint sagen zu wollen, dass die einzige Möglichkeit, etwas Substantielles über die Realität auszusagen, die ist, die Art und Weise des Erzählens zu dekonstruieren und die Inhalte der Geschichte auf Metaebenen zu heben. Da fallen dann auch mal die Intitialen "B.B.", und es ist nicht Brigtte Bardot gemeint, die auch im Bild ist, sondern Bertolt Brecht. Oder Fritz Lang sinniert darüber, dass das Cinemascope-Format nicht für die Aufnahme für Menschen geschaffen ist. Godard drehte in 2.35:1 und wählt Bildkomposotionen und Farbdramaturgie so, dass alles extrem auffällig inszeniert erscheint. Es erscheint manchmal etwas selbstzentriert, aber es gelingen auch brillante Momente. Die allerersten Sekunden gehören bereits dazu, wenn die Credits nicht in "neutraler" Textform eingeblendet werden, sondern von einem Off-Erzähler eingesprochen werden und so gleich viel stärker (da sinnlicher, weniger abstrakt) in den Film integriert werden. Ein verblüffender Effekt.

Le mépris
ist ein extrem selbstbewusster Film. Ein Film, der nur zum Teil Illusion ist, zum anderen Teil viele illusorischen Hüllen bereitwillig fallen lässt.

8/10