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Thema: Die mit der Liebe spielen (L'Avventura, 1960)

  1. #1
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    Die mit der Liebe spielen (L'Avventura, 1960)



    Als Michelangelo Antonionis Film 1960 in Cannes Premiere feierte, verließen die Zuschauer in Scharen den Saal. Die verbliebenen fielen vor allem durch genervte Zwischenrufe auf, von denen "Buuuh" nur einer war. Dennoch gewann der Film am Ende der Filmfestspiele den Sonderpreis der Jury. Darüber hinaus taten sich nach der misslungenen Premiere 35 namhafte Regisseure zusammen und verfassten eine Schrieb, in dem sie den Film verteidigten und zwei Jahre später fand sich der Film auf der renommierten Sight & Sound Bestenliste auf Platz 2 wieder, gleich hinter Citizen Kane. All dies führte dazu, dass der Film schließlich doch noch ein großer kommerzieller Erfolg wurde.

    Ich hab den Film mittlerweile gesehen und so richtig gerockt hat er mich nicht. Die meisten negativen Kritikpunkte, die von Zuschauern nach der Premiere geäußert wurden, kann ich zwar nicht nachvollziehen, vieles davon würde ich dem Film sogar als Stäken auslegen. Ferner war ich sehr beeindruckt von der großartigen Bildsprache des Filmes. Aber so richtig übergesprungen ist der Funke nicht. Guter Film: Ja. Meisterwerk: Hmm?

    Wieso gilt dieser Film als Meisterwerk? Freue mich auf Erklärungsversuche.

  2. #2
    Regisseur Moderator Avatar von Daniel
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    AW: Die mit der Liebe spielen (L'Avventura, 1960)

    Ich werde meine Eindrücke morgen schildern, nachdem ich den Film dann vollständig gesehen habe. Jetzt nur eine kurze Anmerkung:

    Dass der iranische Darbareye Elly eine Variante von L'avventura ist, war mir nicht klar, als ich den Film 2009 auf der Berlinale sah. Der Film gewann dort den Silbernen Bären. Nach den ersten 90 Minuten von Antonionis Film ist die Verbindung aber bereits evident. Ich war damals nicht so angetan von dem Film, habe jetzt in Verbindung mit L'avventura aber große Lust auf eine Zweitsichtung.

  3. #3
    Regisseur
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    AW: Die mit der Liebe spielen (L'Avventura, 1960)

    Das dieser Thread doch noch mit einer Antwort honoriert wird, hätte ich nicht mehr gedacht

  4. #4
    Hauptdarsteller Avatar von WormyLittleFerret
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    AW: Die mit der Liebe spielen (L'Avventura, 1960)

    Zitat Zitat von Thomas Beitrag anzeigen
    Das dieser Thread doch noch mit einer Antwort honoriert wird, hätte ich nicht mehr gedacht
    Ich wollte eigentlich gleich etwas dazu schreiben, hätte aber zugeben müssen, dass ich mich mit Antonioni aus teilweise kaum nachvollziehbaren Gründen schwer tue (eine Blamage für einen sich halbwegs intellektuell gebenden Menschen, ich weiss). - Obwohl ich mit seinen italienischen Zeitgenossen nicht die geringsten Probleme habe, lässt der Mann mich kalt, was leider auch auf "L'avventura" zutrifft. Von den Filmen, die ich bislang gesehen habe, sagte mir einzig "La notte" halbwegs zu, sogar "Blowup" (1966), der mich als begeisterterten Erforscher der "Swinging Sixties" eigentlich beschäftigen müsste, wird nach Möglichkeit gemieden. - Eines fernen Tages werde ich herausfinden, woran es liegt...
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  5. #5
    Regisseur Moderator Avatar von Daniel
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    AW: Die mit der Liebe spielen (L'Avventura, 1960)

    Da du gerade die "Swinging Sixties" erwähnst, vielleicht noch schnell der Einwurf, dass Antonionis Filme auf mich geradezu den gegenteiligen Eindruck von "Swinging" machen. Die Filme machen einfach keinen Spaß, sollen sie wohl auch nicht. Das sind sehr kühle, fast analytische Filme. Jedenfalls die wenigen, die ich bisher kenne. Es scheint mir da eher um ein Verharren zu gehen, vielleicht auch um lähmende Obsessionen hinsichtlich des Erkennenwollens einer Realität, die in permanenter Auflösung begriffen ist.

  6. #6
    Hauptdarsteller Avatar von WormyLittleFerret
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    AW: Die mit der Liebe spielen (L'Avventura, 1960)

    @Daniel

    Ich glaube, du sprichst da einen Punkt an, der für die Rezeption (zumindest für meine) eine wichtige Rolle spielt. Der erste Film, der mir seinerzeit so richtig begegnete, war "Professione: Reporter" (1975), ein Thriller. Nun war man es in den 60ern und 70ern gewohnt, dass traditionelle Genres unterlaufen wurden (sollten sie ja auch: siehe etwa Richard Lester's herrliche "Sixties"-Persiflage "The Knack ... and How To Get It", 1965). Was Antonioni bot, war jedoch kein (originelles) Unterlaufen mehr; vielmehr schlug dem Zuschauer die - im Falle von "Professione" - existentialistische Kälte regelrecht ins Gesicht, wie auch "Blowup" mit den "Swinging Sixties", in denen er angesiedelt war, nichts mehr zu tun hatte. --- Man könnte sagen: Er verzichtet - und dies schon in seinen frühen Filmen - im Gegensatz zu den anderen Italienern beinahe auf jede Form von Sinnlichkeit, analysiert stattdessen, wie du völlig richtig bemerkst, Obsessionen, was mich besonders erstaunt, da sich der Japaner Masumura, der sich mit ihm angefreundet haben soll, ein sehr sinnlicher Regisseur ist.

    Das mag gefallen oder nicht, es geht mir nicht um ein Urteil. Bei mir liegt jetzt noch "Zabriskie Point" (1970) rum, den ich mir bei Gelegenheit anschauen möchte. Sollte auch dann der Funken nicht überspringen, gebe ichs auf. Wobei man einen Regisseur vom Kaliber eines Antonioni nicht gern verreisst, sondern lieber sich selber die Schuld gibt.
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  7. #7
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    AW: Die mit der Liebe spielen (L'Avventura, 1960)

    Zitat Zitat von WormyLittleFerret Beitrag anzeigen
    Wobei man einen Regisseur vom Kaliber eines Antonioni nicht gern verreisst, sondern lieber sich selber die Schuld gibt.
    Ich fühl mich da auch irgendwie immer "schuldig", wenn ich mit einem großen Regisseur nix anfangen kann. Versuche aber, mich von diesem Schuldkomplex zu befreien. Muss ja kein Mangel sein, wenn man bestimmte Regisseure oder Stile anderen vorzieht. Manche Handschriften der großen Regisseure kommen einem entgegen, andere nicht. Man kann mit der "analytischen Brille" die kreativen Leistungen oder die filmhistorische Bedeutung einzelner Werke ja prinzipiell wertschätzen, auch ohne die Filme zu lieben. Ab und zu passierts auch, dass ich diese Brille erst eine Weile etwas angestrengt aufsitzen spüre, aber dann merke ich sie gar nicht mehr und die Filme gehen mich dann überraschenderweise doch unmittelbar an. Das war bei Kubrick so. Den mochte ich erst gar nicht, jetzt schon.

    Antonioni kommt mir eher entgegen als Ozu, denke ich.

  8. #8
    Regisseur Moderator Avatar von Daniel
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    AW: Die mit der Liebe spielen (L'Avventura, 1960)

    Heute habe ich den Rest des Films geschaut und er konnte mich dann doch noch begeistern. Hätte ich so nicht erwartet.

    Die Stärken des Films sind extrem vielfältig, meiner Ansicht nach und schwer auf den Punkt zu bringen, ohne nochmal ganz intensiv darüber nachzudenken. Bin grad zu müde dafür. Ein schwachbrüstiger Versuch: Auf der optischen Ebene sind die Stärken die exakten Bildkompositionen und immer wieder die wirkungsvolle Verbindung von Bildmotiven von "erhabener" Größe und den Menschen, deren private Dramen dagegen vergleichsweise klein wirken. Erzählerisch liegt die Stärke des Films klar darin, wie er zwischenmenschliche Beziehungen und Emotionen fragmentiert und sich einer geschlossenen Darstellung verweigert, ohne in vollkommene Beliebigkeit abzudriften.

    In seinem Cannes-Statement beschreibt Antonioni, wie wir nach eigentlich überkommenen moralischen Standards leben und ungesunde Leidenschaften als Symptom gestörter Emotionalität auftreten. Ich denke, dass man das als sinnvollen Interpretationsdimension akzeptieren kann. Der Film beginnt bereits mit einem gestörten Vater-Tochter-Verhältnis, er endet wieder mit einem gestörten (Liebes-)Verhältnis, aber mit einer vage tröstlichen Note. Dazwischen passiert so viel anscheinend Unzusammenhängendes, dass es kaum wiederzugeben ist.

    Ich fand L'avventura emotional recht verstörend, da ich das Verhalten der Figuren entweder nicht einzuschätzen wusste, oder ihrem Verhalten nach einer Weile misstraute, da sich emotionale Zustände prinzipiell als unstet erweisen. Das spiegelt (leider?) aber auch die Alltagserfahrung wider. Menschen sind oft wechselhaft, und so bildet der Film mit seiner Sprunghaftigkeit doch ein Stück unvollkommener Lebenswelt ab. Extrem beeindruckend fand ich, wie L'avventura von einer Stimmung in die nächste übergleitet, und das nicht nur mit den Darstellern als offensichtlichstes Vehikel, sondern die ganze Palette an filmischen Ausdrucksmitteln nutzend, mit unzähligen emotionalen Aktivierungsmomenten, die den Zuschauer in bestimmte Richtungen lenken, verunsichern und durchrütteln.

    Würde es aber gar nicht mal so sehen, dass es sich um einen hoffnungslos pessimistischen Film handelt. Die Menschen scheinen mir schon noch fähig zur Liebe und zu tiefen Emotionen, aber die sozialen Verstrickungen und die unerfüllbaren Erwartungen an eine stringente Identität sind so groß, dass sie emotionale Ablenkung (nicht notwendigerweise Erfüllung) in der nächstbesten Gelegenheit suchen.

    Bin insgesamt doch recht angetan, ein beeindruckender Film.

  9. #9
    Regisseur
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    AW: Die mit der Liebe spielen (L'Avventura, 1960)

    Also das von Euch beschriebene Schuld-Gefühl kenne ich jetzt so nicht. Allerdings frage ich bei hochgelobten Filmen, deren Qualität ich im ersten Moment absolut nicht nachvollziehen kann, schon auch woran das jetzt genau liegt.

    Daniel, Deine Ausführungen sind sehr interessant, aber die Art und Weise wie die unsteten Gefühle hier dargestellt werden, hat meiner Erfahrung nach nicht so viel mit der Realität gemeinsam. Auch wenn ich weiß, was Du damit meinst.

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