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Thema: Das letzte Schweigen

  1. #1
    Regisseur Moderator Avatar von KeyzerSoze
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    Das letzte Schweigen

    Imdb

    Regie: Baran bo Odar (Unter der Sonne, Quietsch)
    Cast: Ulrich Thomsen (The International), Wotan Wilke Möhring (Goldene Zeiten), Burghart Klaußner (Das weiße Band), Kathrin Saß (Goodbye Lenin), Sebastian Blomberg (Anatomie), Karoline Eichhorn (Ossi's Eleven), Roeland Wiesnekker (Dr. Psycho), Claudia Michelsen (Die Päsptin), Oliver Stokowski (Die wilden Hühner und die Liebe), Julia Böwe (Kleinruppin Forever)




    Schon nach der ersten Szene ist man sich sicher, dass hier etwas ganz großes auf den Zuschauer zu kommt. Wie in den ersten fünf Minuten derart anteilnahms- und emotionslos ein kleines Mädchen vergewaltigt, ermordet und entsorgt wird: Das ist einfach nur großartig inszeniertes Kino. Hier stimmt jede Kameraeinstellung, die beängstigend einsetzende Musik und die kaltblütig wirkende Darstellung der Schauspieler hinterlassen von der ersten Minute an Gänsehaut und erinnern nicht selten an David Finchers Zodiac. Doch auch nach dieser grandiosen Eröffnung kann Regisseur Baran bo Odar das Niveau halten und schuf einen perfekt bebilderten und vor allen Dingen ruhigen Crimethriller, der den Zuschauer bewegt und mitnimmt. Die depressiven und glaubwürdigen Charaktere sind dabei hervorragend gezeichnet, und werden von der Darstellerriege beeindruckend gespielt. Der Musikeinsatz unterstützt dabei die ohnehin schon beklemmende Atmosphäre ungemein. Es ist lange her dass ich so gebannt in einen Kinofilm eingesaugt wurde, mit der Geschichte mitfühlen und -leiden konnte. Und wenn das Ganze noch so perfekt in Szene gesetzt wurde, dann kann ich nicht anders als die Höchspunktzahl zu vergeben. Das letzte Schweigen zieht den Zuschauer, zwei Stunden in seinen Bann und lässt einen mitgenommen und völlig fertig wieder aus dem Saal. Besser kann es ein Film eigentlich kaum machen, so dass meine Aussage von vor zwei Tagen bzgl. des besten Filmes des Jahres revidieren muss und die Auszeichnung an dieses Meisterwerk aus deutschen Landen vergeben muss. Eine kleine Warnung dennoch an die reinen Mainstreamgucker: Der Film dürfte euch aufgrund der ruhigen Inszenierung kaumf gefallen und ist wohl nur Arthousekinogängern zu empfehlen.
    Geändert von Markus (12.08.2010 um 15:28 Uhr)

  2. #2
    Regisseur Avatar von Julia
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    AW: Das letzte Schweigen

    Der Trailer gefällt mir sehr gut, da bekomm ich ja schon Gänsehaut. Die Darsteller sind ja auch sehr bekannt und Wotan Wilke Möhring hat mich bisher immmer üerzeugt. Vielleicht wird der Film ja im kleinen Kino bei mir in Düsseldorf gezeigt.

  3. #3
    Regisseur
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    AW: Das letzte Schweigen

    In der Tat: ganz schön krass, diese Geschichte. Vor allem, weil man immer das Gefühl hat, so (oder so ähnlich) könnte es passiert sein. Allerdings würde ich nicht so weit gehen, für den Film Höchstpunktzahlen zu verteilen.
    Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.

  4. #4
    Regisseur Avatar von Kalervo
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    AW: Das letzte Schweigen

    leichte

    Die Figur des Peer Sommer ist zweifellos die Schlüsselfigur für den Film, ohne ihn, und da verrate ich nicht zuviel denn dies wird schon ganz zu Anfang gezeigt, gäbe es die nachfolgenden Ereignisse nicht, die alle beteiligten Personen nachhaltig mitreißt und deren Leben ganz oder teilweise bestimmt und verändert. Dennoch ist ihm verhältnismäßig wenig Screentime vergönnt und man erfährt so gut wie nichts über Hintergründe, Motivationen oder dergleichen. Und vielleicht liegt hier auch einer der Wurzeln dafür, wenn der Film einigen Sehern nicht zusagt, weil er Verbrechen zeigt, die völlig abscheulich und unfassbar sind, inklusive all ihren weiteren Folgen, ohne dafür Lösungen oder gar Erklärungen zu bieten. Und das ist dann unbequem und tut sogar ein bisschen weh, aber wenn ein Film so etwas erreicht und den Zuschauer bewegt und nicht kalt lässt, dann ist das für meine Begriffe ein positiver Aspekt.

    Die Geschichte und die Geschehnisse an sich, während der Sichtung und mit den eigenen Gedanken danach, wirken bedrückend und hallen nach. Dabei ist das Ganze fast über die gesamte Laufzeit mitreißend und teilweise ganz großartig bebildert. Auch die Leistungen der Darsteller sind durchweg überzeugend, ob Thomsen, Möhring, Blomberg, Klaußner, Saß, Wiesnekker, Eichhorn und besonders der wohl leider viel zu wenig beachtete Stokowski, der zwar oftmals eine ähnliche Rolle darstellt, diese aber so gekonnt wie nur wenige. Die soziale Unkompetenz seiner Figur wird teilweise sehr offensiv dargestellt (Befragung der Eltern der zu dem Zeitpunkt noch vermissten Sinikka, u. a. mit der Frage „Hat sie denn vielleicht einen Freund, von dem sie nichts wissen, mit dem sie durchbrennen könnte?“; oder die eine Szene mit Kollege Jahn im Archiv). Dann aber auch eher subtil, wie in der Szene als Sinikkas Vater im Revier kurz durchdreht, wie schnell er sich vom Hauptort des Geschehens zurückzieht und dann gleich seine Krawatte zurechtrückt und den Bürostuhl geradestellt. Sehr großartig wie ich finde.

    Weitere beeindruckende Szenen sind die Auseinandersetzung zwischen Jahn und Grimmer auf dem Parkplatz (nebst Prolog), oder als sich Sinikkas Eltern schweigend trennen, wo ein Blick und eine Geste mehr sagen als viele Worte, und dann der Umschnitt auf den verzweifelt am Käfiggitter nagenden Hamster; exzellent, weil dieses Bild vielsagender ist als man im ersten Moment denkt und ich mir mittlerweile schon zwei Übertragungen auf Figuren und deren Tun gefunden habe (auch wenn ich hier vielleicht zu viel hineininterpretiere; den Vorwurf lasse ich mir gerne gefallen, dessen ungeachtet diese Überlegungen sehr spannend sind und dem Ganzen eine weitere Tiefe geben). Von der brillant gefilmten Szene zu Beginn ganz zu schweigen; wenngleich diese zumindest etwas an Wirkung verliert, wenn man sie schon aus dem Trailer kennt.

    Zweifellos ist der Film auch für mich nicht perfekt, so hat sich Sommer viel zu sehr auf das Schweigen von Timo verlassen; dass er in der Befragung kurz davor ist das Messer gegen die schwangere Polizistin zu zücken nehme ich der Figur nicht ab, das hätte er nicht getan und ist vielleicht ein zu offensichtliches Suspense-Momentum für den Zuschauer, der einer Figur ob deren in Gefahrschwebens voraus ist und daher nervengekitzelt wird; wenngleich man dies auch nicht so sehen muss und dennoch seine gewollte Wirkung hat. Auch hat Jahn fast zu viel immer die richtige Idee und den richtigen Riecher, woraus sich da aber auch wieder für den Zuschauer beachtliche Situationen ergeben, wenn dieser weiß, dass Jahn recht hat und dessen verzweifelten Versuchen zusehen muss, sein Umfeld davon zu überzeugen. Wie ein Hamster der scheinbar aussichtslos am Käfiggitter nagt. Wenngleich dies alles auch nur der Romanvorlage geschuldet sein mag.

    Einen Vorwurf in Richtung „Vorhersehbarkeit“ kann ich für mich nicht bestätigen, weil ich ehrlich gesagt, und das mag einer Mischung aus Naivität und Dänophilie geschuldet sein, Sommer glaubte als dieser Timos Frage, ob er für Sinikkas Verschwinden verantwortlich ist, negativ beschied. Man hat irgendwo im Hinterkopf dass doch noch irgendeine unerwartete Wendung kommt und ein Jack in the Box kurz vor Schluss auf die Bildfläche springt und alle narrt. Aber das ist so das Spiel des Regisseurs bzw. des Autors, führe ich den Zuschauer, der etliche Wendungen und Überraschungen erwartet, letztlich damit in die irre, dass es keine große Überraschung/unerwartete Wendung gibt.

    Was dafür wiederum gefällt ist das Ende. Auch wenn es weh tut, und „ungerecht“ ist, und auch einige Fragen offen bleiben. Aber gerade das macht wohl einen Film mit aus, wenn er nachwirken soll, und das tut er bei mir zweifellos. Auch schwingt öfters das Gefühl der Einsamkeit mit fast allen Figuren mit. Aber tiefere Ausführungen in diese Richtung benötigen wohl eine Zweitsichtung, welche unabhängig davon sowieso in näherer Zukunft auf dem Plan steht.

    Geschichte, Figuren, Darsteller, Kameraarbeit, und alles andere wesentliche eines Filmes gefällt mir also gut bis sehr gut und daher würde ich hierfür, vorausgesetzt man kann mit solchen Filmen grundsätzlich was anfangen und ist nicht enttäuscht darüber, dass es keine „Action“ gibt, guten Gewissens eine klare Sehempfehlung aussprechen. Auch finde ich positiv, dass hier ein sensibles Thema gut getroffen wurde, und man versucht halbwegs neutral zu bleiben, auch wenn dies nicht einfach scheint und auch bei manchen Zuschauern negative Reaktionen auslösen kann. 8,5/10


    Und dann noch ein Wort zur MM-Review. Mit den individuellen Eindrücken und Meinungen ist es ja immer so eine Sache, wenn jemandem der Film nicht gefällt dann ist das ja völlig in Ordnung. Auch mein Eindruck ist logischerweise nicht der Weisheit letzter Schluss und erhebt auch gar keinen Anspruch auf Richtigkeit. Soviel als Vorwort, aber drei Dinge sind dann doch etwas unangenehm aufgefallen. Zunächst ein böser Spoiler, den Keyzer ja schon angesprochen hat.

    2) Zitat: „und trotz seiner abartigen Veranlagung, gelingt es ihm ein persönliches Glück, mit Frau und Kindern aufzubauen (wenig glaubwürdig bei jemandem, in dessen Gefühlsleben Kinder eine andere Rolle als bei normal veranlagten Menschen spielen).“

    -Mir liegen zwar keine genauen Studien diesbezüglich vor, aber meines Wissens schließt das eine das andere nicht aus. Vielmehr dürften die meisten mit pädophilen Neigungen ein nach außen hin „normales“ Leben führen, mit Frau und Kind(ern). Es sind nach außen hin keine Monster denen man ihre Taten und Gedanken sofort ansieht und die in jeder Sekunde nur schreckliches tun und denken. Sie haben eine Veranlagung, für die sie mglw. nicht mal etwas können, weil diese an sich keine bewusste Entscheidung ist. Verurteilenswert wird es natürlich dann, wenn sie diese entgegen allen gesetzlichen und vor allem moralischen und menschlichen Vorschriften, Regeln und Vorstellungen ausleben. Darüber hinaus sind sie aber ganz „normale“ Menschen. Auch wenn’s teilweise schwer fällt das zu verstehen. Jedenfalls kann das oben zitierte mMn auch nicht dem Film negativ oder gar als unglaubwürdig angelastet werden, weil er schlicht und ergreifend ein wahres Bild zeigt. /Hobbypsychologie-Mode off

    3) Zitat „Die Darsteller gehen zugegebenermaßen völlig auf in ihren Figuren; vielleicht sogar zu sehr. Es stellt sich das Gefühl ein, als würde jeder regelrecht für sich wie manisch performen und nur seinen eigenen Part im Kopf haben. Als gäbe es einen extra Bonus für den, der alle seine Kollegen an die Wand spielt. Harmonisch oder inszenatorisch ausbalanciert wirkt das nicht, ganz im Gegenteil: zuweilen erscheint es regelrecht affektiert.“

    -Ist für mich so ein klassisches Beispiel, dass man, wenn einem eine Sache aus irgendeinem Grunde so gar nicht gefällt, alles weitere daran schlecht sieht/macht. Für mich ist es eine der besten Ensemble-Leistungen der jüngeren Zeit, für andere eben zu manisch und zu gewollt den Kollegen an die Wand spielen wollen. Frei nach dem Berti Vogts-Spruch ’wenn ich über’s Wasser gehen könnte würden meine Kritiker sagen, nicht mal schwimmen kann er’. Sprich, man kann alles positive auch schlecht reden.

    Man muss sich auch fragen weshalb die Darsteller im Spiel harmonieren müssen, wenn es die Figuren die sie spielen, im filmischen Leben, auch nicht tun. So könnte man diesen vermeintlichen Kritikpunkt sogar so auslegen, dass es absichtlich unharmonisch wirken soll, um die Probleme und Unfähigkeiten zwischen den Figuren deutlicher herauszustreichen. Eben alles bis zu einem gewissen Grad dreh- und wendbar.

    Aber genug gescholten, wollte nur meine Meinung kundtun.
    The bad news is, we did an X-ray, and your body is full of a spooky skeleton man.

    Last watched movies [letzte Änderung: 20. September 2017]

  5. #5
    Regisseur Moderator Avatar von KeyzerSoze
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    AW: Das letzte Schweigen

    Perfekter Text

  6. #6
    laertes
    Gast

    AW: Das letzte Schweigen

    kann mich dem geschriebenen nur anschließen. empfehlswerter film.

  7. #7
    Admin Avatar von Matt
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    AW: Das letzte Schweigen

    Das letzte Schweigen erzählt die Geschichte der Eltern von Sinikka. Ihre 13 Jahre alte Tochter ist verschwunden und das genau an dem Ort, an dem vor genau 23 Jahren zuvor bereits ein Mädchen umgebracht wurde. Deshalb erzählt Das letzte Schweigen auch die Geschichte von Pia, der Mutter, die damals ihr Kind verloren hat. In durchaus kunstvoller aber überambitionierter Weise versucht Regisseur Baran bo Odar nun den Zusammenhang und die Auflösung beider Geschichten zu liefern. Letzten Endes ein Kriminalfilm, dessen Oberflächlichkeit zur Unerträglichkeit wird und auf unterstem Tatort-Niveau bewegt.
    If it can be written, or thought, it can be filmed. (Stanley Kubrick)

  8. #8
    Regisseur Avatar von Kalervo
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    AW: Das letzte Schweigen

    Vielleicht haben wir eine unterschiedliche Definition, aber Oberflächlichkeit wäre so ziemlich das Letzte was mir zu dem Film einfallen würde. Schade, finde es einen der besten deutschen Filme der letzten Jahre (auch wenn ich da nicht allzu viele gesehen habe), und zu dem Thema vielleicht einer der Besten.

    Aber der Tatort-Halbsatz ist ja eine doppelte Unverfrorenheit.
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  9. #9
    Admin Avatar von Matt
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    AW: Das letzte Schweigen

    Das ist sogar noch die nett formulierte Variante.
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  10. #10
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    AW: Das letzte Schweigen

    Matt, was nimmst du denn fuer Drogen? Die Figuren in diesem Film sind so komplex, das reicht fuer drei Filme O_O. Und was ich in meinem FTB-Eintrag noch schreiben wollte, aber vergessen habe: So kann man eine Kriminalgeschiche erzaehlen, wenn man nicht gezwungen wird es in scheiss 90 Tatort-Minuten zu tun.
    You can't be wise and in love at the same time - Bob Dylan

    http://www.humanspotlight.de.vu/

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